Coronastir

Corona ist auch in Tunesien bekannt. Und natürlich in Italien.
In Tunesien gibt es auch so etwas wie eine allgemeine Maskenpflicht. Aber etwas habe ich nicht beobachtet: niemand ist panisch deswegen. Es ist ganz anders als bei uns, sehr entspannt. Masketragen ist Vorschrift, also hängt man sich eine Maske an das Ohr oder so, aber als Massnahme zur Pandemiebekämpfung scheint das niemand ernst zu nehmen. Nie, aber wirklich nie, erlebe ich, dass jemand irgend etwas reklamiert deswegen. Ich trage ständig eine Maske. Meistens trage ich sie in der Hosentasche, selten am Kinn, und ganz selten über den Mund. Alle machen es so. Wer will, trägt Maske, und von den Maskenträgern tragen die meisten die Maske irgendwie. Aber es ist nirgends ein Problem, keine Maske zu tragen. Auch nicht beim Zoll, nicht im Geschäft. Im Laboratoire, wo wir den Coronatest machen lassen, tragen die Angestellten die Maske korrekt, die meisten Kunden nicht. Auch hier ist das kein Thema. Tunesier haben offensichtlich andere Probleme.


Offiziell ist das anders. Wir haben ja bei der Einreise grossen Ärger. Schon in Italien war vieles unklar, und eigentlich darf man als Tourist von Italien nicht nach Tunesien gehen. Aber irgendwie ging es dann doch. Wir müssten in Tunesien für zwei Tage in Quarantäne und danach einen Test machen. Damit können wir die Quarantäne beenden. Wir haben natürlich nicht im Sinn, uns wirklich einzusperren, deshalb haben wir als Quarantäneadresse unsere Freunde in Monastir angegeben. Das wird nun plötzlich nicht akzeptiert am Zoll. Wir müssen für den ganzen Aufenthalt eine Hotelbuchung vorweisen. Wir buchen das Hotel online, und die Angaben werden am Zoll registriert. Anschliessend stornieren wir die Buchung wieder. Weil die Angaben registriert wurden, befürchte ich Probleme. Wir wissen, dass bei der Ankunft im Flugzeug alles registriert wird und am zweiten Tag im Hotel jemand vorbeikommt und den Abstrich vornimmt. Vielleicht ging da auch jemand ins Hotel, wo wir sein sollten? Aber es geht problemlos, wir hören jedenfalls nichts. Falls uns jemand suchen würde an der angegebenen Adresse, wäre das sowieso etwas schwierig für ihn. Es ist hier nicht so einfach mit Strassennamen, Hausnummern und so 😀.

Wir machen am Dienstag den Test für die Ausreise und holen am Mittwoch das Papier ab. Es trägt einen schönen Stempel und eine echte Unterschrift. Am Donnerstag reisen wir, also wird das Datum auf Mittwoch angepasst. Kein Problem, wir bezahlen ja auch genug dafür. Italien verlangt für die Einreise ein Deklarationspapier in dreifacher Ausführung, das gibt viele Ordner voll. Dann, in Tunis am Hafen, will gar niemand den Test sehen. Der Test ist ja vor allem für Italien wichtig. Aber auch in Italien fragt niemand danach, und in Chiasso werden wir sowieso durchgewunken. Lustig.

Während eines Küstenspazierganges sehe ich eine Parallele zur Coronageschichte, manchmal hat man ja so komische Eindrücke. Der Küstenabschnitt wird gerade richtiggehend umgepflügt, und ich denke, das ist es, was gerade passiert in unserer Welt. Die Küste ist schön, eine wilde, unberechenbare Schönheit, sie lebt und blüht, und sie stirbt auch immer ein wenig und lebt auch mit und von diesem Sterben. Die Steilküste erodiert bei jedem Unwetter, es entstehen neue Gräben, Erde und Büsche verschwinden im Meer.

So ist es doch auch bei uns. Es war wieder mal ein Unwetter, und es sah schlimm aus am Anfang, wir mussten mit vielen Toten rechnen, die Propheten überboten sich mit Schreckensszenarien. Man sah bald, dass es doch nicht so schlimm kommt, aber irgend etwas lief anders, warum auch immer. Die wichtigen Leute sagten: so geht es nicht weiter, die Küste wird weggespült, bald stürzen unsere Häuser ein, wir müssen jetzt handeln, das ist etwas Neues, noch nie Dagewesenes. Die Häuser sind weit vom Meer entfernt, da ist noch viel Land da, aber das ist egal. Jeden Tag, jede Stunde wird berichtet über die Naturkatastrophe, und die Erosionsgräben werden gefilmt und in Grossaufnahme tausendfach gezeigt. Sie sehen aus wie immer, aber jetzt haben die Menschen plötzlich Angst davor. Vor zwei Jahren noch hat sich niemand dafür interessiert, wenn jemand einen Busch verloren hat ans Meer, das ist einfach so im Leben, aber jetzt ist es anders, schau dir doch die Bilder an, hör doch was die Nachrichten sagen! Und es ist plötzlich ein Plan da, erstaunlich wie schnell er entstand, aber er ist da und alternativlos. Wir verbauen die Küste! Wir haben das noch nie so schnell und in diesem Umfang gemacht, aber es war ja noch nie so schlimm! Die Bauunternehmer und Planer und Betonverkäufer und Fotografen und Lehrer und Gärtner werden eingebunden, sie dürfen mithelfen beim Bauen, wenn sie den ganzen Gestaltungsprozess mittragen. Wir sind solidarisch, es gibt eine Massnahme gegen den Regen, wir laufen jetzt alle mit Regenschirm herum, auch wenn es nicht regnet, auch wenn es der Küste nichts hilft, es muss jetzt einfach sein. Wir diskutieren engagiert über die richtige Farbe des Regenschirms, das ist wichtig, und wehe, du spannst deinen Regenschirm nicht auf! dann kommt der Polizist. Die Bagger fahren auf, reissen Wunden, die Schafhirten werden vertrieben, sie müssen zu Hause bleiben und die Schafe verhungern. Die aufgerissene Erde wird beim kleinsten Regen weggespült. Schon lange sind die Folgen der Bauerei schlimmer als die natürliche Erosion, aber wir müssen jetzt Opfer bringen, sonst verlieren wir die Küste und auch noch unsere Häuser, du musst jetzt auf die Vision schauen und nicht auf die paar Büsche, die sterben, und die Vögel und Eidechsen und Schlangen. Die neue Küste wird viel besser sein, sicherer, schöner, mit Strassen statt Trampelpfaden, ohne Löcher, mit gereinigtem Sandstrand auch!
Das ging mir durch den Kopf beim Spazieren. Ich denke, das ist Lüge, Manipulation, Kontrolle. Meine Bibel kennt ein Wort für solches, es ist Zauberei. Und mein Gott hasst Zauberei, er hasst es, wenn Menschen anderen Menschen die Freiheit rauben, wenn Menschen Menschen manipulieren und kontrollieren und wenn sie Türme in Babylon bauen. Viele denken so ähnlich wie ich, aber noch viel mehr glauben der Lüge der Mächtigen und der Vision der besseren Küste, gerade auch die Christen. Mir zerreisst es halt einfach das Herz, wenn ich an die Küste denke, die gut und wunderschön ist und jetzt leidet.
Wir könnten es anders haben, viele Regierungen machen nicht mehr mit bei dem Theater, bei dem Skandal. Aber wir vertrauen unseren Mächtigen und können uns nicht vorstellen, uns gegen sie zu stellen und uns zu wehren. Das ist schon erstaunlich, finde ich. In dieser Sache freue ich mich nicht auf die Schweiz, Tunesien war angenehmes Maskenland. Tunesier haben ganz andere Einschränkungen im Alltag, und wir sind natürlich insgesamt viel freier. Warum lassen wir uns das gefallen? Ist uns unsere Freiheit nichts mehr wert?

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